Dienstbare Geister (Fremde & Geister 2) - Installation
10 Kanal-Audio-Installation
für zwei nebeneinander liegende Innenräume
sowie als Stereo-Version für einen Raum
auf / in: Deutsch, Französich und Bayangam
Übertitel in: Deutsch, Französisch und Englisch
Materialien: Lautsprecher, Beamer, Leinwand
56 und 62 min, 2017
mit Sandra Hüller • Olivier Djommou • Cristin König •
Fabian Hinrichs • Britta Hammelstein • Richard Djif •
Jacqueline Ekombo Itondo u.v.a.
In 1905 a destitute young woman leaves Berlin and immigrates to Cameroon, a German colony. Her social advance comes about at the expense of native neighbours and servants who persistently resist their colonial masters, but in vain – among other things against land theft and being forced to work by the threat of a whip. In 2015 a young man sets out from Cameroon headed toward Germany. He fights for and finally manages to get a permanent job in Berlin through persistent self-exploitation, while increasingly losing contact with his homeland. But one day he is expected to do his boss a favour and he takes an assignment in Cameroon. Based on diary entries of women who went to colonially occupied areas at the turn of the 20th century, as well as current interviews with refugees, Paul Plamper constructs two migration stories. In this work, the linguistic nuances of usurpation and humiliation, but also of political correctness and a misguided helper syndrome can be traced. The stories do not focus on wrongdoers, but on taking part in a daily life in which naivety and dependencies are trapped in an abysmal relationship with one another.
1905 verlässt eine mittellose junge Frau Berlin und wandert in die deutsche Kolonie Kamerun aus. Ihr sozialer Aufstieg geschieht auf Kosten der einheimischen Nachbarn und Bediensteten, die beharrlich und vergeblich Widerstand gegen die Kolonialherren leisten – u. a. gegen Landraub und Zwang zur Arbeit mit der Peitsche. 2015 bricht ein junger Mann aus Kamerun Richtung Deutschland auf. Er sieht für sich keine Alternative zum reichen Europa. Durch beharrliche Selbstausbeutung erkämpft er sich in Berlin eine feste Stelle. Zunehmend verliert er die Verbindung zu seiner Heimat. Aber eines Tages soll er seiner Chefin einen Dienst erweisen und gegen seinen Willen einen Auftrag in Kamerun übernehmen.
Paul Plamper konstruiert, basierend auf Tagebuchaufzeichnungen von Frauen, die um die Jahrhundertwende in kolonial besetzte Gebiete gingen und aktuellen Interviews mit Geflüchteten, zwei Migrationsgeschichten, in denen er den sprachlichen Feinheiten von Usurpation und Erniedrigung, aber auch verlogener Political Correctness und verfehltem Helfersyndrom nachspürt. Erzählt wird nicht von Tätern, sondern von einem Alltag, in dem Naivität und Abhängigkeiten ein abgründiges Verhältnis miteinander eingehen.
10-Kanal Audioinstallation für zwei nebeneinander liegende Räume
Die Audio-Installation wurde erstmalig im Rahmen der Ruhrtriennale im Pact Zollverein in Essen gezeigt:
Dort wurden die beiden Geschichten - Europas Kolonialgewalt und die Folgen - zeitgleich in zwei nebeneinander liegenden Räumen abgespielt. Das Publikum teilte sich und wechselte nach dem ersten Durchlauf den Raum, um die andere Zeitebene zu hören. Die eine Gruppe hörte sich so historisch gesehen von der Vergangenheit ins Heute, die andere vom Heute in die Vergangenheit.
Der jeweilige Nebenraum machte sich immer wieder akustisch bemerkbar. Die Kolonialzeit griff wie ein Poltergeist ins Heute, umgekehrt hörte man in der Kolonialgeschichte Vorboten einer Zukunft, die an heute erinnert - u.a. mit einem Flugzeug, das in beiden Zeiten vorkam und akustisch simuliert durch die Trennwand zwischen den Räumen flog: Aus dem Heute im Nebenraum kommend flog es als Wunsch der Kolonialherren nach einer modernen Kriegsmaschine durch das Jahr 1905. Im Heute-Raum kam es von nebenan aus der Kolonialzeit als Linienmaschine durch die Wand, mit der die von Olivier Djommou gespielte Hauptfigur zurück nach Kamerun fliegt.
Stereoversion für einen Raum
Seit Frühjahr 2018 steht eine Version für Kunst-, Theater und Kinoräume zur Verfügung, die eigens für den konzentrierten Rahmen einer klassischen Live-Situation vor Publikum überarbeitet und Tour-fähig gemacht wurde. Die beiden Zeitebenen - Kolonialzeit und Heute - sind dazu hintereinandergestellt und es ist ein 'directors cut‘ einiger Szenen vorgenommen worden, die nur in dieser Version zu hören sind.
Dauer: Teil 1: 56 Minuten, Teil 2: 62 Minuten. Vorstellung möglich mit und ohne Pause.
Die Stereo-Version tourte bisher unter anderem in die Akademie der Künste Berlin, das Center for Literature bei Münster, ins Schaupiel Köln und ins Europäische Zentrum der Künste Hellerau in Dresden.
Übertitel / Surtitles in German, French and English
Beide Versionen sind übertitelt. Den Machern ist besonders daran gelegen, die Szenen auf Französisch und Bayangam in der jeweiligen Originalsprache mit deutschen Übertiteln zu präsentieren. Englische und Französische Übertitel richten sich an ein mehrsprachiges Publikum.
Cast
- Sandra Hüller - Alle Texte und Rollen Kolonialzeit
- Olivier Djommou - Martin Gouambo
- Britta Hammelstein - Sprachlehrerin Laura
- Ainulla Nasari - Sprachschüler
- Cepan Alrasul - Sprachschüler
- Ulrich Ngoeyap - Sprachschüler
- Marteza Maqsudi - Sprachschüler
- Fabian Hinrichs - Mitbewohner Henning
- Marion Czogalla - Partygast
- Gabi Bornschein - Vermieterin
- Klaus-Peter Lüdicke - Handwerker
- Clarice Peter - Wohnungssuchende
- Cristin König - Chefin Silke Krämer
- Judith Lotter - Kollegin Claudia
- Jacqueline Ekombo Itondo - Ma Jackie
- Anna Bodenez - Synchrondolmetscherin
- Alvine Makuate - Kameruner Verwandte
- Danny Bruder - Polizist (Installation)
- Richard Djif - Justin Nobong
- Venant Ntiomo Nigounde - Kellner
- Françoise-Nicole Ndoume - Projektleiterin Wüste
- Dr. Tobbit Dieudonné - Zollbeamter
- Remco Schuurbiers - Seemann
- Bebek Welten - Seemann
- Pieterjan Jacobs - Kapitän
Team
- Konzept / Buch / Regie: Paul Plamper
- Mitarbeit Konzept, Recherche, Kolonialgeschichte und Raum: Jelka Plate
- Dramaturgie / Redaktion: Martina Müller-Wallraf
- Dramaturgische Beratung: Richard Djif
- Péguy Takou Ndie
- Casting: Elise Graton
- Mitarbeit Casting: Richard Djif
- Péguy Takou Ndie
- Schnitt: Paul Plamper
- Elena Zieser
- Hans Broich-Wuttke
- Aufnahmen: Titus Maderlechner
- Sounddesign / Mischung / Mastering: Titus Maderlechner
- Regieassistenz: Elena Zieser
- Hans Broich-Wuttke
- Übersetzung ins Deutsche: Paul Plamper
- Elena Zieser
- Übersetzung ins Französische: Elise Graton
- Übersetzung ins Englische: Ben Fergusson
- Übertitelung: Leonard Prandini
- Musik: Schneider TM
- Hakali Ensemble
- Produktionsleitung: Christine Nicod
Produktion / Jahr
WDR / BR / DLF Kultur / MDR / Ruhrtriennale - 2017
Gefördert durch die Film- und Medienstiftung NRW
Ausstellungen
2017: Ruhrtriennale im Pact Zollverein Essen, 2018: W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V. Hamburg, Akademie der Künste Berlin (im Rahmen von Koloniales Erbe), Zentrum der Künste Hellerau Dresden und Center for Literature, Burg Hülshof, 2019: Schauspiel Köln.
Auszeichnungen
Deutscher Hörbuchpreis 2018, hr2-Hörbuchbestenliste Januar 2018, hr2-Hörbuchbestenliste November 2017
Kritiken
- Tobias Lehmkuhl in der Süddeutschen Zeitung vom 28.11.2017
- Christian Deutschmann in der FAZ vom 22.01.2018
- Jochen Meissner in der Medienkorrespondenz 19/2017
- Markus Stengelin auf Hoerspielsachen.de am 20.09.2017
- Eva-Maria Lenz in epd medien vom 08.09.2017
- Bernd Aulich in der Recklinghäuser Zeitung vom 04.09.2017
- Stefan Fischer auf Süddeutsche.de am 30.08.2017
Texte
Audiomaterial
Anja Reinhardt über Dienstbare Geister in DLF Kultur Heute am 02.09.2017
Leonie Berger über Dienstbare Geister im SWR2 am 02.09.2017